Wenn man etwas bei (ehemals ebay-) „kleinanzeigen“ verkauft, lernt man Menschen kennen. Besonders wenn man etwas „zu verschenken“ hat. Einmal hat einer bei mir vier (gute) Autoreifen auf Felge abgeholt. Ich hatte sie am Haus bereit gestellt und konnte gar nicht so schnell gucken, wie er sie eingeladen hatte und weg war. Ein Wort des Dankes gab es nicht.
Es geht mir nicht ums Geld. Irritiert hat mich die Haltung.
Ich habe vermisst, was sich ich mit dem Wort „Höflichkeit“ verbindet. Das meint ursprünglich: mit jedem Menschen so umzugehen, dass ich ihn wert schätze wie jemandem „bei Hofe“. Diese Wert-Schätzung fehlt mir immer wieder. Bei allem, was zur Zeit nicht so (schnell) läuft, wie es gut wäre: Der Mensch, der jetzt da ist, tut sein bestes. Und das kann ich wertschätzen. Ich vermisse auch Achtung gegenüber den Lebensmitteln. Die Nahrungsmittelindustrie macht es uns schwer, das noch zu sehen. Doch alles, was uns nährt, ist kostbar. Und: wenn jemand mir etwas zu verschenken oder abzugeben hat, dann hat das zwar keinen Preis, aber einen Wert - für ihn und mindestens einen Nutzwert für mich.
Ich möchte andere nicht erziehen. Sie werden Gründe haben, sich so zu verhalten, vielleicht auch nur in dem Moment.
Ich wünsche mir vielmehr, dass immer mehr Menschen entdecken: Es tut gut, dankbar zu leben. Menschen, die ich so erlebe, sind zufriedener, barmherziger mit anderen – und strahlen eine innere Freude aus, die ich menschlich schön finde. Mit anderen Worten: „Seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus für euch (1. Brief an die Thessalonicher Kap. 5, Vers 18).
Andreas Risse, Pastor Ev.-luth. Stadtkirchengemeinde Münden