Gemeinsames Fastenbrechen
Zum gemeinsamen Fastenbrechens im Ramadan am 24. Februar ertönte zum ersten Mal um 19:30 Uhr der Muezzin-Ruf über der DITIB-Moschee in Göttingen-Grone. Dies wurde zuvor im von der Stadtverwaltung organisierten Runden Tisch der Religionen mit Vertreter:innen verschiedener Glaubensrichtungen unter dem Aspekt der grundgesetzlich garantierten Religionsfreiheit besprochen. Zunächst als einmaliges Ereignis, soll der Gebetsruf, nach Wunsch der DITIB-Gemeinde, monatlich zum mittäglichen Freitagsgebet erklingen. Beim Fastenbrechen waren auch die Vertretenden der Religionsgemeinschaften aus Göttingen sowie weitere Akteur:innen der Göttinger Stadtgesellschaft sowie der Politik vertreten.
Superintendent Dr. Frank Uhlhorn vom Ev.-luth. Kirchenkreis Göttingen-Münden betonte in seinem Grußwort, dass der Muezzin-Ruf eine Identität des Glaubens sei. „Wenn Muslim:innen eine Beheimatung im Glauben mitten unter uns finden, bringt uns das Frieden. Lasst uns gemeinsam an einer Stadt der Vielfalt arbeiten.“ Zudem gab er zu bedenken, dass der öffentliche Raum ein gemeinsamer Raum sei. Dazu gehöre in einer pluralen Stadt auch öffentlich ausgelebte religiöse Praxis, solange sie in einem geregelten Rahmen stattfinde. „Entscheidend ist, dass wir die Maßstäbe an Regeln orientieren und nicht an Vorurteilen.“
Für die katholische Kirche im Dekanat Göttingen war Dr. Thomas Matusche, zweiter Vorsitzender des Dekanatspastoralrats Göttingen, zu Gast in der DITIB-Moschee. „Als katholische Kirche freuen wir uns über die vorhandene Vielfalt und freuen uns das Thema miteinander ohne Vorurteile zu besprechen. Das Grundrecht der Religionsfreiheit steht allen zu. Gerade in einer Zeit, wo Spannungen zunehmen, ist es umso wichtiger, dass wir in Göttingen einen anderen Weg gehen, den des Dialogs.“
Oberbürgermeisterin Petra Broistedt, die mit ihrem Mann zu Gast bei der DITIB-Gemeinde war, betonte dort erneut: „Die Religionsfreiheit ist ein hohes Gut unserer Verfassung. Sie gilt für alle Glaubensgemeinschaften gleichermaßen. Als Stadt bekennen wir uns klar zur Religionsfreiheit nach Artikel 4 des Grundgesetzes. Sie schützt nicht nur die innere Überzeugung, sondern auch die sicht- und hörbare Ausübung von Religion.“ Entscheidend sei, so Broistedt, dass alle Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften nach denselben rechtlichen Maßstäben behandelt würden, egal ob Glockengeläut oder Muezzin-Ruf. „Das ist kein politisches Symbol, sondern gelebter Rechtsstaat. Gerade in polarisierten Zeiten setzen wir bewusst auf Dialog, Respekt und den Schutz unserer gemeinsamen Freiheit“, so die Oberbürgermeisterin.
Ali Serkan Şahbaz von der DITIB-Gemeinde Göttingen freute sich sichtlich über die Gäste und betonte, wie wichtig der Gebetsruf für seine Gemeinde ist: „Für viele Musliminnen und Muslime ist der Muezzin-Ruf eine liturgische Einladung zum Gebet. Nicht mehr und nicht weniger. Er ist keine politische Erklärung und keine Missionierung, sondern Teil religiöser Praxis, wie sie durch Artikel 4 des Grundgesetzes geschützt ist.“ Der Gemeinde sei es wichtig, dass der Ruf transparent, rücksichtsvoll und klar geregelt erfolgt. Sahbaz: „Wir gehen auf die Nachbarschaft zu und stehen für Fragen und Gespräche bereit, weil Vertrauen nur im Dialog entsteht. Unser Anliegen ist Zugehörigkeit im gemeinsamen Alltag dieser Stadt; respektvoll, verantwortungsbewusst und im Rahmen der gleichen Regeln für alle.“
Jaqueline Jürgenliemk, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Göttingen, erklärte: „Religionsfreiheit ist ein Grundrecht, Teil unseres Grundgesetzes und damit Teil der Regeln unseres Zusammenlebens. Ihre Ausübung verdient Respekt. Wir Jüdinnen und Juden erleben in unserem Alltag häufig antisemitische Übergriffe, Ressentiments und Hass. Damit sind die Ausübung und das Sichtbarwerden unserer Religion eingeschränkt und unsere Sicherheit gefährdet. Dem können wir nur entgegentreten durch einen interreligiösen und öffentlich geführten Diskurs mit dem Versuch, Vorurteile abzubauen und über unterschiedliche Glaubensinhalte und Praktiken aufzuklären. Nur so schaffen wir Vertrauen und gehen verantwortlich mit unserem Grundrecht um. Wir unterstützen das Vorhaben, die Einführung des Muezzin-Ruf in verschiedenen Foren und öffentlich zu diskutieren und damit eine Basis der Akzeptanz zu schaffen. Göttingen zeigt sich als offene Stadt, wenn wir diesen Diskurs nicht scheuen, sondern konstruktiv führen.“
Nach weiteren Grußworten und dem Fastenbrechen, hatten die Gäste noch die Gelegenheit die Moschee zu besuchen und anschließend um 19:30 Uhr den Muezzin-Ruf zu hören.