Mehr als nur Haare schneiden - Friseur-Aktion der Straßensozialarbeit

Nachricht Göttingen, 17. März 2026

Die Straßensozialarbeit (Straso), eine Einrichtung des Diakonieverbands im Ev.-luth. Kirchenkreis Göttingen-Münden, hat ihren Klient:innen erneut einen kostenlosen Haarschnitt angeboten.

Friseurin Massoumeh Noujah (Massi) aus dem Göttinger Salon Massi am Ingeborg-Nahnsen-Platz begleitet die Aktion schon seit drei Jahren. Massi möchte gerne etwas zurückgeben, denn auch ihr wurde einst geholfen, als sie als alleinerziehende Mutter nach Deutschland kam. Sie hatte sich an den Diakonieverband gewandt und Unterstützung erfahren. Es sei für sie selbstverständlich diese nun an andere weiterzugeben. Aber auch sie bekomme etwas zurück: „Die Menschen, denen ich in der Straßensozialarbeit die Haare schneide, sind so glücklich über einen neuen Haarschnitt und freuen sich sehr darüber. Das zaubert auch mir ein Lächeln aufs Gesicht.“

„Viele unserer Gäste haben unzureichende finanzielle Mittel oder sind gar von Mittellosigkeit betroffen. Ausgaben für Körperhygiene werden daher oftmals auf ein notwendiges Maß reduziert. Oft leiden als Folge davon das Aussehen, das eigene Selbstwertgefühl und das Ansehen von außen. Durch solche Friseuraktionen wird unseren Gästen ein wohltuender Moment ermöglicht, der für den Großteil der Gesellschaft selbstverständlich ist, jedoch für viele unserer Gäste als ´Luxus´ gewertet wird. Durch solche Friseuraktionen wollen wir unseren Gästen die Möglichkeit geben ihr Aussehen und damit ihr Selbstwertgefühl zu verbessern“, erläutert Straso-Leiter Mike Wacker.

Die Friseur-Aktionen werden durch Spenden finanziert, denn ohne Drittmittel sei das Angebot nicht aufrecht zu erhalten, so Wacker. Ihn freue es sehr, dass die Bürgerstiftung Göttingen über die NDR-Aktion „Hand in Hand für Norddeutschland“ Gelder für Projekte, wie dieses beantragt und auch bewilligt bekommen hat. 16 Friseur-Aktionen und somit 160 Haarschnitte können mit der finanziellen Unterstützung realisiert werden. Jedes Mal begleitet ein:e Sozialarbeiter:in die Aktion.

Für Lars Wätzold und Siegfried Lieske von der Bürgerstiftung war schnell klar, dass sie diese Aktion unterstützen möchten. „Sich die Haare schneiden zu lassen ist soziale Teilhabe. Das hat etwas mit Würde zu tun und sollte jedem Menschen möglich sein“, so Wätzold. Lieske ergänzt: „Dass sich jemand nur um mich kümmert und mich pflegt, das ist etwas ganz Wichtiges. Dieser wohltuende Moment ist wichtiger, als das Haareschneiden selbst. Aus Schamgefühl trauen sie sich oft nicht, zum Arzt oder zum Friseur zu gehen, aber bei der Straso fühlen sie sich so angenommen, wie sie sind.“

Das bestätigt auch Sozialarbeiter Daniel Reiners: „Hier ist ein Raum, wo sich unsere Gäste wohlfühlen. Wo es einfacher ist, Leistungen anzunehmen. Im Alltag fühlen sich unsere Klient:innen oft ausgeschlossen, viele sind abschätzigen Blicken ausgesetzt. Hier bei uns ist für sie ein sicherer Ort.“

Paul Farmer gehört zu den zehn Personen, die am 17. März einen neuen Haarschnitt bekommen haben. Ein halbes Jahr lang lebte er auf der Straße, davon zweieinhalb Monate in Göttingen. Über die Heilsarmee bekam der junge Mann Kontakt zur Straso. „Seitdem bin ich jeden Tag hier. Das gibt mir eine Tagesstruktur. Um 8 Uhr stehe ich auf und bin um 9 Uhr bei der Straso. Hier frühstücke ich dann und esse auch oft Mittag. Der Kontakt mit den Leuten hier ist mir sehr wichtig“, betont Farmer. Zum zweiten Mal hat er sich die Haare schneiden lassen. Etwas, was er sich normalerweise kaum leisten kann. Aber ein gepflegtes Äußeres ist ihm wichtig. Denn das spiele auch bei der Wohnungssuche eine Rolle. Bei ihm hat es funktioniert, zum 1. März hat er eine eigene Wohnung bezogen.
 
Einen neuen Kurzhaarschnitt bekommt auch Frau Schmidt. Die junge Frau bezieht Grundsicherung, da sie auf Grund einer Sehbehinderung nicht arbeiten kann. Oft sei sie bei der Bahnhofsmission, da sie sich dort angenommen fühlt. Bei der Straso war sie zum ersten Mal. Eine Freundin hatte ihr von der Friseur-Aktion erzählt. Die Atmosphäre hier hat ihr sofort gefallen. „Hier fühle ich mich wohl und so eine neue Frisur hebt gleich die Stimmung. Mit meiner Grundsicherung kann ich mir das nicht leisten. Bisher habe ich mir die Haare selbst geschnitten.“

Für dieses Jahr sind noch weitere Friseur-Aktionen in der Straßensozialarbeit geplant.