Vor einigen Tagen war Preisverleihung im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt. Unter den Finalisten ein Projekt in München. Holz und Beton nachhaltig und freundlich verbaut, Unterkunft und medizinische Versorgung für Obdachlose und Geflüchtete. Das Bauwerk wahrt die Würde der Schutzsuchenden. Im Gewerbegebiet. Drum herum, hoffen die Stadtplaner, wächst mal ein Wohnviertel.
Ich muss an James denken. Ein Holzkreuz in der Theaterstraße erinnert an sie. Zwei Zahlen, Anfang und Ende ihres kurzen Lebens. Als ich sie zum ersten Mal richtig wahrnahm, gab es noch den kleinen Bäckerladen, von Auszubildenden geführt. Ich habe den einzigen Hocker besetzt, als James reinkommt. Sie stellt ihre Tüten ab und legt eine Handvoll Münzen auf den Tresen. Wartet, bis die junge Verkäuferin ihr den Kaffee hinstellt und lächelnd „wie immer“ sagt. Sie überlegt lange, welches Teilchen sie bestellen soll. Eine andere Kundin kommt. Mustert James. Rümpft die Nase. Trommelt mit den Fingern auf den Tresen, bis James, unter dem Geplauder der Auszubildenden, den Laden mit Kaffeebecher und Tüten verlässt.
„Dass Sie sich das hier bieten lassen“, schimpft die Kundin. „Dass wir uns das bieten lassen müssen!“ – „Hier ist jeder willkommen“, sagt die junge Verkäuferin ruhig. „James ist Stammkundin. Wenn Ihnen das nicht passt, kaufen Sie doch woanders ein“. Ich trinke meinen Kaffee aus. „Respekt“, sage ich, „für Ihre Freundlichkeit und Ihren Mut“. – „Nein“, sagt die Frau hinterm Tresen, „das ist selbstverständlich. Wir sind alle Menschen, oder?“
Wenn ich an James‘ Kreuz vorbeigehe, denke ich an ihr Leben. Mitten in unserer Stadt. Es liegt an uns, wie unser Stadtbild aussieht. Wir sind alle Menschen."
Charlotte Scheller, Pastorin der Christophorusgemeinde Göttingen