Sie mag Schmuck. Und Hüte. Sie hat viele Sonnenbrillen und manchmal trägt sie alle auf einmal. Sie freut sich, wenn ihr jemand vom Team etwas mitbringt. Einen Ring. Eine CD mit ihrer Lieblingsmusik. Sie ist gern für sich. Und geht gerne raus. Zum Einkaufen. In die Keller-Disco. Im Rollstuhl und mit Begleitung. Weihnachten singt sie die Lieder laut mit in der Kirche. Und wenn es ihr zu lange dauert, ruft sie: Könn‘ wir jetzt gehn? So wie sie ist, wird sie geliebt. Und gesehen. In ihrer Wohngemeinschaft im Christophorus-Haus. In unserer Stadt.
Manche sagen, wir müssen jetzt so viel für andere leisten. Hohe Steuern. Abgaben für Sozialversicherung, Entwicklungshilfe, Renten. Es ist Zeit, mehr auf uns selbst zu achten. Wir können uns nicht aufreiben. Nicht das Leid der ganzen Welt tragen.
Einer hat es trotzdem gemacht. Hat sich dafür hergegeben, andere zu tragen. Ein Fluss-Träger. Da zur Stelle, wo es ins Tiefe geht und keine Brücke da ist. Die orthodoxe Kirche erinnert an ihn am 9. Mai. Der Riese Christophorus, so die Legende, will nur dem Stärksten der Welt dienen. Er hat den König schwach gesehen. Und den Teufel. Er hat Christus gesucht und ihn nirgends gefunden. Nun steht er am Fluss und trägt Leute rüber. Auch ein kleines Kind. Im Tiefen wird es immer schwerer. Sie schaffen es. Drüben sagt der Kleine: Klar bin ich schwer. Ich bin Christus. Ich trage das Leid der ganzen Welt.
Viele tragen mit in unserer Stadt. Einer bringt Essen zur Nachbarin. Eine kämpft dafür, dass die Schwächeren auch künftig im Blick bleiben. Wer sich so benimmt wie Christophorus, ist nicht weltfremd. Es gibt das Leiden und er ist mittendrin. Nicht Geld hält unsere Gesellschaft zusammen, sondern Mitmenschlichkeit.
Charlotte Scheller, Pastorin der Christophorusgemeinde Göttingen