…diese Frage steht auf einem Relief in der Rats- und Marktkirche St. Johannis. Es gehört zur Installation der Künstlerin Jana Nielsen am alten Taufstein. Auf ihm steht eine Klangschale mit Wasser. Regelmäßig tropft es von oben hinein. Mein Blick sucht nach der Quelle und bleibt an der Frage hängen.
Wonach suchst du?
Nach Abkühlung in sengender Hitze. Nach Ruhe und Erholung. Nach Erfrischung. Nach Leichtigkeit. Nach Liebe. Nach friedlichem Miteinander. Nach Sinn.
Wonach suchst du?
Die Frage erinnert mich an meine Sehnsucht. Sie ist kein Wohlgefühl, sie ist wie ein Brennen in der Brust, wie ein Dürsten in der Kehle. Und doch tut sie gut: In ihr steckt das Vertrauen, dass es „doch mehr als alles geben“ muss (Dorothee Sölle), dass „im Herzen Raum [ist] für mehr, für Schöneres, für Größeres“ (Nelly Sachs). Das Gegenteil wären Resignation und Stillstand.
Sehnsucht versetzt in Bewegung. Sie wird nicht müde, nach dem Ersehnten zu streben. Sie hält fest an dem, was Menschen wichtig ist. Gerade in Hitzephasen – klimatisch wie gesellschaftlich – lohnt es sich, die Sehnsucht wachzuhalten: gemeinsam Orte der Erfrischung zu schaffen, dafür zu sorgen und darum zu beten, dass Durst gestillt wird, nach Wasser, nach Leben, nach Frieden.
Wonach sehnst du dich?
Ich halte meine Hände über die Schale, schaue nach oben und warte. Plötzlich fällt ein Tropfen in meine Handfläche. Klein ist er, er kitzelt auf der Haut, erfrischt ein wenig an einem heißen Tag. Ich muss lachen. Ein Anfang ist gemacht.
Dr. Anna-Maria Klassen, Pastorin in der Ev.-luth. Kirchengemeinde Göttingen-Mitte, Kirchort St. Johannis