Neulich habe ich ein Gruppenfoto gemacht. Nichts Besonderes. Ein paar Menschen, ein sonniger Nachmittag, ein Handy. Das Interessante passierte erst danach: „Nimm nicht das, da habe ich die Augen zu.“ „Ohje – meine Haare!“ „So alt, sehe ich sonst nicht aus!“
Niemand fragte: „Sind wir da fröhlich?“ Oder: „Sieht man unseren schönen Tag?“ Es ging nur um das Bild.
Ich kenne das gut. Wahrscheinlich, weil wir uns längst daran gewöhnt haben, unser Leben mit den Bildern anderer zu vergleichen. Ein kurzer Blick in die sozialen Medien genügt: Alles perfekt und schön: Menschen, Wohnungen, Urlaube, Beziehungen. Und plötzlich erscheint das eigene Leben zu chaotisch oder zu gewöhnlich.
Dabei erinnere ich mich an keinen Menschen, weil er perfekt war. Ich erinnere mich an meine Lehrerin mit ihrem ansteckenden viel zu lauten Lachen. An den Freund, der immer zu spät kam, aber nie zu spät, um zuzuhören. An meine Großmutter mit ihren faltigen Händen, die aber voller Lieben waren.
Das Wertvollste in meinem Leben war selten perfekt. Freundschaften nicht. Familie nicht. Ich selbst schon gar nicht.
Für mich bedeutet wahre Schönheit daher nicht vollkommen zu sein, sondern echt.
In der Bibel steht: „Der Mensch sieht, was vor Augen ist. Gott aber sieht das Herz.“ Ich finde diesen Gedanken entlastend. Vielleicht muss ich gar nicht ständig die beste Ausgabe meiner selbst sein.
Vielleicht eine gute Übung fürs nächste Foto – oder überhaupt: nicht mehr fragen, ob das Bild perfekt ist, sondern ob das Leben darauf echt ist.
Superintendentin Marit Günther-Menzel